Und alles ist Geschichte


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Im Sommer 1998 wurde das SBW Euregio­Gymnasium eröffnet. Hunderte Menschen haben hier seit dieser Zeit die Schweizerische Maturität erarbeitet und gingen danach als «Euregi­aner*innen», begleitet vom Klang der Hafen­glocke auf dem Dach des Zollhauses, hinaus in die Welt. Eine Rückblende von Herbert Lippenberger.

Im Sommer 1997 traf ich durch Vermittlung von J.-C. Stucki auf Peter Fratton, den damaligen Leiter und Gründer der SBW. Ich konnte ihn sofort von meinem Vorhaben, eine private Maturitäts­schule zu gründen, überzeugen. Im Sommer 1998 begannen wir mit ca. 20 Lernenden das Ausbildungsprogramm und schon nach 2 Jahren gab es die ersten drei «Euregio-Maturanden». Zuerst waren wir noch in der Hafenstrasse untergebracht, dann in der Neustrasse über dem Circolo Campania und ab dem Februar 2008 im historischen Zollhaus mitten im Romanshorner Hafen­becken. Die Jahre flogen dahin, die Welt drehte sich mehr schlecht als recht in ihren Kreisen, und das «Euregio» wurde zur Institution, zum kreativen Startpunkt ins akademische Ausbildungs­leben, zum Ort des Lebens und Kennenlernens und wenn immer möglich gab es im Sommer den obligaten Sprung ins Hafenbecken!

Bildung, kritisches Denken, Freude an Beziehungen, Kultur, Kunst, der Blick nach Draussen ins Leben und das gemeinsame Arbeiten sind und waren die Pfeiler dieses einmaligen Lernorts. Mittlerweile haben ca. 350 Menschen am «Euregio» ihre Matura erarbeitet und über jede und jeden Einzelnen könnte man ein Buch schreiben. Die meisten blieben in der Schweiz. Doch zog es auch einige in die wirklich weite Welt hinaus, etliche wurden Ärzte, Anwälte, Unternehmer, Lehrer, Wissenschaftler und vieles mehr (*innen!).

Immer wieder senden mir Alumnis Nachrichten, z.B., dass sich jemand nach Jahren an eine Einzelheit aus dem gemeinsamen Input erinnert und mir darüber ein kurzes Lebenszeichen schickt. Schön fand ich z.B. die Mail von Daniel Stähli, ein «Gründungs-Euregianer», der mir von seinem Arbeitsort China eine Nachricht mit dem Bild seiner kleinen Tochter schickte. Er innert sich, wie ich bei der Besprechung von «Sansibar» erzählte, dass es im Leben immer wieder diese Punkte gibt, an denen man weiss, dass nun eine unumkehrbare, existenzielle Entscheidung anstehe, und dass es wohl genau das sei, was Freiheit im Leben letztlich ausmache, denn danach läuft alles wieder in seinen gesetzten Bahnen, nur im Moment der Entscheidung ist man für einen Moment wirklich frei.

Für mich schliesst sich nun nach 25 Jahren Arbeit als Fach­begleiter für Geschichte, Deutsch und Zeitgeschehen sowie als Lernhaus­leiter der Kreis. Mein emotionales Fazit sehe ich in dem bekannten Song des australischen Sängers Kevin Johnson «Rock’n Roll - I Gave You the Best Years of My Life«! Auch für mich war das Lernhaus «Rock‘n Roll» vom Feinsten, auch ich gab dem «Euregio» sehr viel Leben, aber es waren wunderbare und gute Jahre, was letztlich über ein Vierteljahrhundert dauerte.

Nun ist genug, und ich freue mich auf das grosse und weite Leben «draussen» - vor allem in dem von mir geschätzten Frankreich, ohne welches Europa nicht vorstellbar wäre. Es geht für mich auch zurück ins Kino, vor allem ins Zebra-Kino in Konstanz, das von mir als Student vor 40 Jahren mit Freunden gegründet wurde und heute einen zentralen Kulturort in der Bodensee­metropole darstellt.

Der Sprung hat sich in mannigfacher Hinsicht gelohnt. Das Experiment «Euregio», mein Traum von einem privaten Gymnasium aus meiner Zeit Ende der 80er Jahren als Doktorand an der Uni KN und Geschichtslehrer am Gymnasium Hörnliberg bei Kreuzlingen, ist mächtig Wirklichkeit geworden.

Ich wünsche dem ganzen «Euregio-Team» und insbesondere meiner Nachfolgerin, Anita Dreher, viel Glück und Freude an dieser einmalig schönen Arbeit am «Euregio». Die Segel sind gesetzt, die Mannschaft auf Position, sie kann das Schiff mit alt-neuem Kurs in den Wind drehen!

Text: Herbert Lippenberger

Der Zeitenpendler

«Der Mensch ist wahr­scheinlich die einzige Kreatur, die in drei Zeiten leben kann: in der Vergan­genheit, Gegenwart und in der Zukunft. In dieser Hinsicht bist du ausser­gewöhnlich menschlich. Einige kennen dich als Strand­läufer aus unseren früheren Kader­wochen. Ein Wesen, das Dinge wahrnimmt, die anderen entgehen. Bei dir sind es historische Artefakte. Wie ein Spuren­leser erkennst du historische Fuss­stapfen, bringst sie in die Gegenwart und projizierst sie in die Zukunft – und sofort wieder zurück. Wie ein Pendel, ein Perpetuum Mobile der Zeit.»

(Auszug aus der Verabschiedung von Christoph Bornhauser, alias Herr Bo)